


2020 im Martin-Niemöller-Haus in Berlin Dahlem spricht Michael Karg, zu dieser Zeit Vorsitzender der Martin-Niemöller-Stiftung, über den historischen Ort, seine Geschichte, über Martin Niemöller und die Stiftung, die seinen Namen trägt.
Daniel Gaede – ehemaliges Vorstandsmitglied der Martin Niemöller Stiftung ©Anläßlich der Tagung „Ehrfurcht vor dem Leben. Martin Luther & Albert Schweitzer – Bekenntnisse für das Leben“ der Albert-Schweitzer-Gesellschaft e.V. hielt Daniel Gaede, zu der Zeit Vorstandsmitglied der Martin-Niemöller-Stiftung, am 23.09.2017 in Weimar seinen Vortrag „Albert Schweitzer, Martin Niemöller, Dietrich Bonhoeffer, Paul Schneider: Wie können Biographien auch Jugendlichen Orientierung geben?“.
Einstieg:
Sie sind mit anderen gefangen in einem Arbeitslager, täglich sterben einige unter den unbarmherzigen Torturen der SS. Sie werden aus der Menge herausbefohlen und zu einem schwerverletzten SS-Angehörigen geführt, der im Sterben liegt. Ihn quält, dass er an der Ermordung von Menschen aller Altersstufen beteiligt war, die – als Juden für minderwertig befunden – von ihm und anderen SS-Angehörigen in ein Haus getrieben wurden, das anschließend von der Einheit in Brand gesteckt wurde – es geht in Flammen auf und wer aus den Fenstern sprang, wurde erschossen; keiner überlebte Es ist sein letzter Wunsch, dass ihm, dem SS-Angehörigen, vor seinem Tod ein Jude ans Bett geholt wird, den er um Vergebung bitten kann.
Der Mann am Bett des SS-Manns Karl hat diese Bitte nicht vergessen können und da er unsicher blieb, ob er den Wunsch nach Vergebung hätte erfüllen oder verweigern sollen, hat er die Geschichte aufgeschrieben und diese Frage lange nach Kriegsende vielen anderen gestellt. Wie würde ich, wie würden Sie antworten? Was bedeutet hier „Ehrfurcht vor dem Leben“ – ist es nicht zum Fürchten und Verrücktwerden, was da Menschen in ihrem Leben sich wie anderen antun und zumuten? Und können solche Berichte wie dieser von Simon Wiesenthal in seinem Buch „Die Sonnenblume“ Orientierung geben, auch Jugendlichen, die Gott sei Dank in anderen Zeiten leben?
Dr. Matthias Schreiber, Autor der rowohlt-Bildmonographie über Niemöller, berichtet von einer ungewöhnlichen Begebenheit.
Die Geheime Staatspolizei hatte strenge Geheimhaltung befohlen. Sein Haus wurde überwacht, das Telefon war gesperrt. Nachbarn ließ man nicht durch. Der alte, im Sterben liegende Wuppertaler Pfarrer war abgeschirmt. Als die SS vorfuhr, brach die Dämmerung bereits herein.
Die Nazis liebten die Dunkelheit. Aber anders als sonst holten sie diesmal niemanden ab. Sie brachten jemanden. Den Sohn des Sterbenden hatten sie Hunderte von Kilometern aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen her transportiert. Sie hatten ihn durch Deutschlands Nacht ins Rheinland gefahren, damit er seinen Vater ein letztes Mal sehen konnte. Pastor Martin Niemöller hieß der Gefangene. Sein damaliger Titel: „Persönlicher Gefangener des Führers“.
Warum durfte ein KZ-Häftling seinen sterbenden Vater besuchen? Hatten sich einzelne SS-Leute über Befehle hinweggesetzt? Gab es unter den Nazis vielleicht doch einen Funken Mitgefühl?
Anläßlich des Gedenkgottesdienstes zum 25. Todestag Martin Niemöllers hielt Ministerpräsident Jürgen Rüttgers in der Stadtkirche von Westerkappeln am 25.03.2009 eine mit viel Beifall honorierte Ansprache. Die Predigt hielt Alfred Buß, Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen. Wir dokumentieren mit freundlicher Erlaubnis beide Texte.
I. Wie aufrecht kann ein Mensch gehen?
Als Martin Niemöller im Kreise weiterer Bischöfe 1934 in der Reichskanzlei empfangen wurde, da sagte Hitler:
„Kümmern Sie sich um die Kirche.Ich kümmere mich um das Volk.“
Das war keine Begrüßung. Das war eine Drohung.
Niemöller hat das sofort verstanden. Das beweist seine Antwort. „Die Sorge um die Kirche ist die Sorge um das Volk“ hat er sinngemäß darauf erwidert.
Wie aufrecht kann ein Mensch gehen?
Ich weiß um die Schwere dieser Frage. Vor allem mit Blick auf den Nationalsozialismus. Auf das Leben in der Diktatur. Da verbietet sich jedes schnelle Urteil. Aber zugleich darf da auch nie ein Zweifel sein an dem, was Recht und was Unrecht ist.
Deshalb ist es so wichtig, dass wir heute hier sind. Martin Niemöller hat gezeigt, dass der Mensch aufrecht gehen kann. Dass Obrigkeit Widerstand erfordert, wenn sie das missachtet, was den Menschen ausmacht.
Dass Unrecht widersprochen wird, wenn es sich Raum zu schaffen versucht!
Aktuelle Veröffentlichungen um Martin Niemöller und die Einstellung des Nazi-Ideologen Matthes Ziegler in den Dienst der Landeskirche sorgen im Moment für Diskussionsstoff. In mehreren Kirchenzeitungen und in der Frankfurter Rundschau vom 19.1.07 erschien dazu ein epd-Artikel von Wolfgang Weissgerber. Er bezieht sich auf den Artikel von Manfred Gailus „Vom ,gottgläubigen‘ Kirchenkämpfer Rosenbergs zum ,christgläubigen‘ Pfarrer Niemöllers“ (erschienen in der Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, Heft 11/2006, Metropol-Verlag, Berlin), erweitert ihn aber um eigene Spekulationen um die Person Niemöllers, die zum Widerspruch herausfordern. Wir dokumentieren den Artikel aus der Frankfurter Rundschau vom 19.01.07 und die Erwiderung von Martin Stöhr.
Der Theologe und Widerstandskämpfer Martin Niemöller holte 1949 einen verurteilten Nazi in die evangelische Kirche von Hessen und Nassau. Das hat ein Berliner Historiker herausgefunden. Doch warum tat Niemöller das?
Von W. Weissgerber (Darmstadt, epd)
Auf Martin Niemöller, einer der führenden Köpfe des evangelischen Widerstands gegen Hitler, fällt ein Schatten: Nach Forschungen des Berliner Historikers Manfred Gailus hat das damalige Oberhaupt der jungen hessen-nassauischen Kirche 1949 einen rechtskräftig verurteilten Nazi-Verbrecher quasi im Alleingang zum Pfarrer gemacht. Wie Gailus darlegt, war der NS-Ideologe Matthes Ziegler (1911-1992) als „politische Allzweckwaffe“ am Kampf gegen den „alten Glauben“ des Christentums und an der Propaganda des Nationalsozialismus maßgeblich beteiligt. Warum Niemöller diesen Mann in den Dienst der Kirche holte, ist Historiker Gailus, einem Experten für Protestantismus in der NS-Zeit, ein Rätsel. Nach Recherchen des Evangelischen Pressedienstes (epd) war Niemöller Ziegler möglicherweise einen Gefallen schuldig. Gailus beschreibt die „wunderbare Wandlung“ des zielstrebigen Nazis im Novemberheft der Zeitschrift für Geschichtswissenschaft. Niemöller habe ihn wohl als „nicht ganz unbelehrbar“ eingeschätzt und zudem als Katholizismus-Experten gebrauchen können, so Gailus.