


Niemoller 1960 ©Er wagte es, Adolf Hitler zu widersprechen – und nahm dafür Jahre im KZ in Kauf. Er war vordem U-Boot-Kommandant der Kaiserlichen Marine, während der Weimarer Republik führte er eine Freikorps-Truppe. Er studierte Theologie und missachtete als Pfarrer in Dahlem das gegen ihn verhängte Predigtverbot, gründete statt dessen den Pfarrernotbund.
Nach der Befreiung wurde Martin Niemöller zum Kirchenpräsidenten in Hessen-Nassau gewählt. Als Leiter des kirchlichen Außenamts bereiste er viele Länder und war glaubwürdiger Botschafter des „Anderen Deutschland“, forderte hellsichtig Gerechtigkeit für die so genannte „Dritte Welt“, plädierte unermüdlich für die Versöhnung von Ost und West. Zuhause wurde er geehrt und bewundert, aber auch mit Schmähungen überhäuft: weil er den Leninorden angenommen hatte; weil er es wagte, Soldaten und Militär Verbrecher zu nennen. Rastlos und beharrlich setzte er sich für den Frieden, gegen die Aufrüstung, gegen die Wiederbewaffnung und den Irrwitz des Kalten Krieges ein.
Die Widersprüche in seiner Biographie sah er selbst so: „Dass ich meine Überzeugung in meinem Leben geändert habe, ich glaube, nicht aus Charakterlosigkeit, sondern weil ich dazugelernt habe -, dessen schäme ich mich nicht … Wir sollten darauf hoffen, dass auch die Leute, die uns augenblicklich führen, noch dazulernen können…“
Martin Niemöller war bei den Ostermärschen dabei, sprach auf der großen Vietnamkriegs-Demo in Bonn 1973, war Ehrenpräsident der Deutschen Friedensgesellschaft.
Martin Niemöller starb am 6. März 1984 in Wiesbaden
U Boot Komandant Niemoeller ©
Niemoller Nach der Befreiung ©
Niemoller Protest ©
1892
geb. am 14. Januar in Lippstadt/Westfalen, Vater Pfarrer, Elternhaus ebenso christlich-sozial wie deutschnational
1900
Familie zieht nach Elberfeld um
1910
Abitur mit Auszeichnung, Seekadett der Kaiserlichen Marine
1912
Leutnant zur See, Niemöllers Spitzname „Der rote Leutnant“
1915
Freiwillig zur U-Boot-Flotte
1917
Niemöllers U-Boot bedroht im Hafen von Dakar den Dampfer, der Albert Schweitzer nach Europa in Quarantäne bringen soll – Schweitzer wird später sein Freund und, nach 1945, Mitstreiter im Kampf um die nukleare Abrüstung; Verlobung mit Else Bremer
1918
Niemöller wird Kommandant eines U-Boots, bei den Engländern gilt er als „Schrecken von Malta“
1919
Niemöller verweigert den Befehl, U-Boote als Reparation nach England zu überführen und verlässt die Marine; Heirat und Überlegung, nach Südamerika auszuwandern; Aufnahme des Theologie-Studiums
Walter Jens war langjähriger Vorsitzender und Wegbegleiter der Martin-Niemöller-Stiftung. Wir dokumentieren seine Festrede zum 100. Geburtstag von Martin Niemöller, die er 1992 auf einer Festveranstaltung der Martin-Niemöller-Stiftung im Plenarsaal des Hessischen Landtags hielt.
Walter Jens ©„Vormittags an der Preface zu Niemöllers Predigten. Mittags zum N.B.C. Lesung der deutschenSendung. Ärger über zweimaliges Versprechen. Nach dem Lunch die .Nation‘ gelesen.“ Die Notizen Thomas Manns, formuliert in Pacific Palisades, am 29. Juli 1941, klingen nüchtern, fast beiläufig. Ein Allerweltsgeschäft ist zu leisten und, nach verläßlichem Studium der Texte, in einer Wochenhälfte zu beenden: „Vormittags an der Einleitung zu den Predigten“, „vormittags die Einleitung zu den Predigten abgeschlossen“, und dann, der Leser spürt das Aufatmen: Das für drei Tage, mit einem raschen Blick von Kalifornien ins ferne Deutschland, unterbrochene Hauptgeschäft nimmt seinen Fortgang. Eine Pflichtübung also, das rasche Exerzitium eines Moralisten, der weiß, was die „Forderung des Tages“ gebietet? Keineswegs.
Der Duktus des knappen Essays, der im gleichen Jahr, anno 1941, als Einleitung zu „Martin Niemöller – God is my Führer. Being the Last Twenty-Eight Sermons“ in der Philosophical Library and Alliance Book Corporation erscheinen wird, zeugt nicht nur von respektvoller Zuneigung gegenüber einem Fürsprecher des „anderen Deutschland“: Er ist, wie Thomas Manns Interpretation der Studie bald darauf nachdrücklich hervorhebt, „von ehrlicher Bewunderung eingegeben für die gehorsame Zeugenschaft eines Geistlichen und Kirchenmannes, mit dessen Geistesform die meine sonst wenig gemein hat“. Der Gegenstand meines kleinen Aufsatzes „brachte es mit sich, daß das Politische darin einmal offen die Sprache der Religion redet – mit Recht; denn aller letzter Ernst des Menschen ist Religion“. … aller letzter Ernst des Menschen: Es ist bewegend zu sehen, wie ein imaginäres Gespräch zwischen zwei Deutschen, ein Geisterdialog über Länder und Meere, den souveränen Skeptiker von Pacific Palisades Worte finden läßt, die er, in ihrer aller Ironie und spielerischen Verfremdung unzugänglichen Eindeutigkeit, sonst eher vermied. Jetzt aber, auf einmal, die apodiktische Formel, in der das Ästhetische „so und auch anders“ hinübergeht ins metaphysische „Dieses ist wahr“.